Uetze
Dienstag, 19.03.2024 - 15:12 Uhr

"Die Ukraine wird niemals aufgeben": Ergreifender Abend mit Mariya Maksymtsiv

Der Moderator des Abends, Ulrich Ensinger (links) zusammen mit Mariya Maksymtsiv und Pastor Steffen Lahmann.Aufn.:

HäNIGSEN

Es war ein eindrucksvoller, zeitweise sehr emotionaler Abend, dem rund 70 Besucher im Haus der Begegnung der evangelischen St. Petri Gemeinde Hänigsen beiwohnten. Über zwei Jahre Krieg in der Ukraine sprach Mariya Maksymtsiv.  

 

Mariya Maksymtsiv wurde 1982 in Lwiw/Lemberg in der Ukraine geboren. Nach dem Abitur studierte sie zunächst an der ukrainischen höheren Staatsschule für Kreatives und im Anschluss von 2002 bis 2006 an der Nationaluniversität Ivan-Franko in Lwiw/Lemberg Betriebswirtschaftslehre mit Abschluss Diplom-Ökonomin. Hauptberuflich arbeitet sie als Finanzbuchhalterin in Hannover. Ihr Ehemann ist Pfarrer der ukrainisch-katholischen Gemeinde in Hannover. Seit nunmehr 18 Jahren lebt sie dort und engagiert sich ehrenamtlich in der Gemeinde in der Integrationsbegleitung und bei Hilfstransporten.

 

"Von dieser kriegerischen Auseinandersetzung", so Pastor Steffen Lahmann in seinen Begrüßungsworten, "sind wir alle betroffen. Zwei Jahre Krieg bedeuten Tod, Leid und Schmerz der Menschen in der Ukraine". Es sei daher ungeheuer wichtig, über das Geschehen, über die Menschen und die Situation in der Ukraine aus erster Hand Informationen zu bekommen. Er freue sich daher, "dass wir mit Mariya Maksymtsiv jemanden haben, die in der Ukraine aufgewachsen ist, die die Menschen dort kennt, die somit authentisch über die Lage in diesem leidgeprüften Land berichten kann".

 

Während des einleitenden gut 20-minütigen Films "Von Hannover an die Front", ein Bericht des NDR vom November 2022 in der Nordreportage, war die Betroffenheit der Anwesenden mit den Händen greifbar. In einem vom ASB ausgerüsteten Krankenwagen überbrachte Mariya Maksymtsiv Hilfsgüter und medizinisches Material in die Ukraine. Ziel war Lwiw, das Zentrum der Westukraine und die Heimat von Maksymtsivs Familie. In Charkiw, der Millionenstadt im Osten, machte sie sich selbst ein Bild von der Zerstörung vor Ort, begleitet von einem Team des NDR. In der Ukraine hat Mariya Maksymtsiv dringend benötigte, gespendete, Medikamente, Verbandsmaterial und medizinisches Gerät an Krankenhäuser übergeben. Und dabei verletzten Soldaten auch finanzielle Hilfeleistungen überreicht.

 

In den anschließenden Gesprächen machte Maksymtsiv sehr deutlich, dass die Ukraine ihr Land niemals aufgeben werde und die kriegerische Auseinandersetzung so lange weitergehen wird, bis Putins Russland aus allen Gebieten der Ukraine vertrieben ist. Die Motivation der Ukrainer, der Wille das eigene Territorium zu verteidigen, sei sehr hoch, obwohl die Lage an der Front schwierig ist. Viele haben sich zu Beginn des Krieges freiwillig gemeldet. Diese eindrucksvolle Bereitschaft komme in den westlichen Medien nicht immer klar zum Ausdruck, so Mariya Maksymtsiv.

 

Maksymtsiv sieht keine Möglichkeiten zu Verhandlungen. "Mit Verbrechern", so die Ukrainerin, "kann und darf man nicht verhandeln". Scharf kritisierte Maksymtsiv die Aussagen des Papstes, der in einem Interview mit dem SRF sagte: "Wenn man sieht, dass man besiegt ist, dass es nicht gut läuft, muss man den Mut haben, zu verhandeln. Ich denke, dass derjenige stärker ist, der die Situation erkennt, der an das Volk denkt, der den Mut zur weißen Fahne hat, zu verhandeln." Völlig unverständlich sei ihr auch, dass Franziskus bis zum heutigen Tag Putin als Aggressor nicht einmal erwähnt hat.

 

Dankbar aber sei man für die große Unterstützung aus Deutschland und damit meinte sie nicht nur die militärische, sondern auch die humanitäre Hilfe. Ohne Deutschland wäre die Ukraine heute nicht da, wo sie ist. Der Bedarf an Hilfe sei aber auch weiterhin sehr groß. Durch die ukrainisch-katholische St.-Wolodymyr Gemeinde in Hannover-Misburg konnten bislang 120 LKWs mit bis zu 40 Tonnen Hilfsgütern in die Ukraine entsandt werden.

 

Mariya Maksymtsiv wünschte sich mehr militärische Hilfe der Europäer. "Europa war anfangs viel zu zögerlich", erklärte sie. Mehr Waffen würde zugleich weniger Verletzte bedeuten. Dieses wurde auch von einigen der Besucher geäußert. Die Debatte, ob Bodentruppen entsendet werden, wie Frankreich und Polen sie angesprochen haben, sei in der Ukraine schon länger ein Thema. Sie wundere sich, dass dieses erst jetzt publik werde.

 

Mehrere Ausstellungstafeln zeigten, dass es nicht nur die Soldaten sind, die an der Front sterben, sondern auch zahlreiche Zivilisten, wie die 20-jährige Studentin Olha Lysenko, die auf dem Weg zum Zahnarzt bei einem Raketenangriff Russlands auf Winnyzja schwer verletzt wurde und später im Krankenhaus verstarb.

 

Mariya Maksymtsiv ging auch auf die Verschleppung ukrainischer Kinder nach Russland ein. Die Russen würden die Eltern der Kinder umbringen, die Jungen und Mädchen dann nach Russland deportieren. Den Kindern soll durch systematische Umerziehung, die ukrainische Identität genommen werden. In den westlichen Medien werde dieses viel zu wenig oder gar nicht weiter erwähnt.

 

Mariya Maksymtsiv berichtete auch, dass in den russischen Medien stets und ständig über die besetzten Gebiete Donezk, die Gegend um Cherson oder der Krim berichtet wird und darüber, dass sich die Menschen zu Russland bekennen. Dem sei aber absolut nicht so. "Keiner will die Russen in den besetzten Gebieten haben. Es waren russische Strafgefangene, die in die okkupierten ukrainischen Gebiete entsandt wurden und Stimmung für Russland betrieben haben. Bedingt durch die damalige Umsiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg bekennen auch heute noch einige zu ihrer russischen Identität. Dennoch aber wollen sie nicht zu Russland", betonte Maksymtsiv.

 

Sie sei Deutschland für die humanitäre Hilfe und die Aufnahme vom Geflüchteten sehr dankbar, so Mariya Maksymtsiv, auf die Frage, wie sich geflüchtet Ukrainer hier in Deutschland fühlen. Es sei allerdings nicht einfach, in ein Land zu kommen, deren Sprache zu erlernen sehr schwierig ist. "Wir alle wissen nicht, wie lange dieser Krieg noch andauert. Je länger aber gerade die Kinder hier leben, desto mehr gewöhnen sie sich an Deutschland. Für junge Menschen ist es daher sehr schwer. Zum einen genießen sie hier Schule und Ausbildung und haben anschließend in einem attraktiven Arbeitsplatz, auf der anderen Seite aber vermissen sie ihre Heimat, die Ukraine. Es ist schwierig", so Maksymtsiv, "vorauszusagen, wie es weitergeht".

 

"Der Abend zeigte, dass der russische Überfall auf die Ukraine, die Menschen bewegt. Und dass die Emotionen immer dann sehr deutlich zum Tragen kommen, wenn Augenzeugen authentisch über die Ukraine sprechen. Mariya Maksymtsiv hat in ihren Worten nicht nur die Dankbarkeit den Menschen gegenüber hier vor Ort zum Ausdruck gebracht, sondern deutlich gemacht, was alles geschehen kann, wenn ein verbrecherischer Aggressor ein Land militärisch überfällt und im Falle eines Sieges vor dem nächsten Land nicht Halt machen wird. Daher sei nicht nur für die Ukraine wichtig, sondern für ganz Europa, sich dem zu widersetzen. Europa, und die Ukraine gehört zweifelsohne dazu, dürfen nicht klein beigeben. Das Münchener Abkommen von 1938 ist ein Beispiel dafür, was bei einem Kleinbeigeben in der Folge geschah", erklären die Organisatoren.