Burgdorf

„Wir sind Burgdorf“ — Stadt gründet Präventionsrat neu und setzt vier Schwerpunkte

[BURGDORF]

Mit 34 Anwesenden im Foyer des Stadthauses ist der Burgdorfer Präventionsrat am Mittwochabend, 24. Juni 2026, offiziell neu gegründet worden. Bürgermeister Armin Pollehn, der den Vorsitz übernimmt, machte keinen Hehl daraus, was ihn persönlich antreibt: zwei Femizide in Burgdorf, die ihn tief erschüttert haben.

„Jeden dritten Tag ein Femizid in Deutschland — dann ist es notwendig, die Dinge beim Namen zu nennen“, sagte Pollehn zu Beginn der Sitzung. Die beiden Taten in Burgdorf hätten ihn und viele andere zum Nachdenken gebracht: Was bedeutet das eigentlich? Was kann eine Stadt tun? „Wir wollen präventiv arbeiten, Angebote machen, damit so etwas möglichst nicht mehr geschieht. Ich will nicht hilflos dastehen.“ Bereits vor gut zehn Jahren habe er als Fraktionsvorsitzender für eine Wiederbelebung des Präventionsrates geworben. Nun ist es soweit.

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Struktur: Lenkungsgruppe, Arbeitsgruppen, Homepage

Den Rahmen für die Arbeit gab eine Präsentation vor: Der Präventionsrat verfolgt das Ziel, „durch ganzheitliche und koordinierte Präventionsarbeit Sicherheit, sozialen Zusammenhalt und Lebensqualität nachhaltig zu stärken“ — und kommunale wie zivilgesellschaftliche Akteure wirksam miteinander zu vernetzen.

Die Lenkungsgruppe — bestehend aus Pollehn, seinem Stellvertreter Christoph Badenhop (Leiter der Polizeiinspektion), Erstem Stadtrat Michael Kugel, Ratsherrn Thomas Wortmann (Vorsitzender Sozialausschuss) und Geschäftsführerin Fokeline Beerbaum-Vellinga (Gleichstellungsbeauftragte) — übernimmt die Priorisierung und Vorbereitung von Beschlüssen. Idealerweise sollen zwei bis drei thematische Arbeitsgruppen entstehen: zeitlich befristet, mit klaren Aufträgen. „Die Struktur muss effizient sein — und wir wollen auch Ergebnisse erzielen“, so die Lenkungsgruppe.

Beerbaum-Vellinga, die am 5. Januar ihren Dienst angetreten hat, trieb die Vorbereitung der konstituierenden Sitzung voran. Bereits am 15. Januar hatte der Stadtausschuss nach Vorschlägen des Landespräventionsrats einstimmig die Wiedergründung beschlossen. Seitdem führte sie 22 Stakeholder-Gespräche für eine Bedarfsanalyse — mit Schulleitungen, Schul- und Sozialarbeit, Jugendpflege, Sportvereinen, Kinderschutzbund, AWO Frauenhaus und Frauenberatung, Diakonie, Frauen- und Mütterzentrum, dem Burgdorfer Mehrgenerationenhaus sowie mehreren städtischen Abteilungen.

Vier Handlungsfelder aus der Stakeholderanalyse

Die Analyse mündete in vier zentrale Schwerpunkte: Sicherheit im öffentlichen Raum, Lebenslage von Kindern und Jugendlichen, sozialer Zusammenhalt sowie Struktur und Vernetzung. Kinder und Jugendliche bräuchten mehr Orientierung, Werteorientierung, Konfliktlösung und Medienkompetenz — „das kann Schule nicht allein tragen, das muss mit Eltern und außerschulischen Partnern gedacht werden.“ Und: In Burgdorf gebe es bereits viele Angebote — es gehe darum, diese zu bündeln und Lücken sichtbar zu machen. Eine eigene Homepage soll Informationen transparent und zugänglich machen.

Vier Themen, eine Botschaft: Mehr Begegnung, mehr Verantwortung, mehr Raum

In den vier Themenrunden zeigten sich klare Prioritäten: Beim Thema Sicherheit wünschen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor allem mehr Zivilcourage und Handlungssicherheit im Alltag sowie eine sachliche, öffentliche Darstellung der tatsächlichen Sicherheitslage. Für den sozialen Zusammenhalt steht der Wunsch im Vordergrund, Menschen aktiv in Verantwortung zu bringen — und konsumfreie Begegnungsräume zu schaffen, in denen das überhaupt möglich wird. Bei der Vernetzung der Akteure war das meistgeforderte ein gemeinsames Präventionsverständnis als Grundlage für faire und konstruktive Zusammenarbeit. Und beim Thema Kinder und Jugendliche war die Botschaft eindeutig: Die Stadt braucht mehr Räume und eine verlässliche Finanzierung für Teilhabeprojekte — niedrigschwellig, kostenlos und unabhängig von Vereinsmitgliedschaften.

„Wir sind Burgdorf“

Im Anschluss arbeiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einem moderierten Workshop mit Frederick Groeger-Roth vom Landespräventionsrat Niedersachsen an vier Pinnwänden. Kemal Baran, Vertreter des Ezidischen Kulturvereins Burgdorf, der auf jede Tafel „SZ“ für sozialen Zusammenhalt schrieb, brachte es auf den Punkt: „Uns fehlt sozialer Zusammenhalt — damit steht und fällt alles.“ Negative Sichtweisen auf die Sicherheit in der Stadt entstünden oft nicht aus eigenen Erfahrungen. „Wenn jemand sagt, ich traue mich abends nicht durch die Marktstraße, frage ich: Wovor hast du Angst? Wenn ich es nicht selbst erlebt habe, kann ich es nicht einfach in den Raum werfen.“ Sein Appell: Allen vermitteln — „Wir sind Burgdorf.“

Zeitplan: Bürgerdialog im Herbst, Arbeitsgruppen ab 2027

Im Sommer sollen die Workshop-Ergebnisse analysiert und ausgewertet werden. Für den Herbst ist ein öffentlicher Bürgerdialog unter dem Titel „Prävention in Burgdorf“ geplant. Ende des Jahres sollen die ersten Schwerpunkte gesetzt werden — ab 2027 starten dann die Arbeitsgruppen.

Pollehn schloss mit einem nüchternen Befund: Burgdorf sei kein kriminelles Pflaster — aber die subjektive Wahrnehmung von Sicherheit und Geborgenheit präge die Lebensqualität einer Stadt, gerade für Familien. „Unsere Gesellschaft zersplittert sich. Isolierung betrifft nicht nur Senioren, sondern auch junge Menschen, die nicht mehr an der Gesellschaft teilnehmen.“ Der Präventionsrat solle hier ansetzen — mit der geballten sozialen Kompetenz am Tisch und dem ehrenamtlichen Engagement, das Burgdorf auszeichne.

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