„Die Krise trifft die Menschen vor Ort“ — Burgdorf beteiligt sich am bundesweiten Aktionstag „Kommunen am Limit“
Foto: Bastian Kroll
Fast 30 Grad, strahlender Sonnenschein — und ein Bürgermeister, der seinen Gästen erklärt, warum das Freibad an einem solchen Tag auch geschlossen sein könnte. Rund 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer versammelten sich am heutigen Montag, 22. Juni 2026, um 17 Uhr auf dem Spittaplatz in Burgdorf, um gemeinsam mit Bürgermeister Armin Pollehn (CDU) ein Zeichen zu setzen: für mehr Geld für die Kommunen — und gegen eine Finanzlage, die er als historisch dramatisch bezeichnete.
Pollehn begrüßte Vertreterinnen und Vertreter aller Ratsfraktionen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung sowie den Personalrat. Hintergrund ist der bundesweitr Aktionstag, zu dem der Deutsche Städtetag, der Deutsche Landkreistag und der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) aufgerufen hatten. Unter dem Motto „Kommunen am Limit“ machen Städte und Gemeinden in ganz Deutschland an diesem Tag auf ihre finanzielle Notlage aufmerksam.
„Die Schuldenbank der Nation“
Pollehn machte von Beginn an klar, dass das Thema nicht neu ist — aber dringlicher denn je. „Es war immer wieder Thema: Land und Bund müssen uns mit den Finanzmitteln ausrüsten, die wir für die übertragenen Aufgaben benötigen“, sagte er. Bereits 2025 sei die kommunale Finanzkrise als die schwerste in der Geschichte der Bundesrepublik beschrieben worden — seitdem hat sich die Lage nicht verbessert.
Bundesweit müssen die Kommunen in diesem Jahr rund 32 Milliarden Euro an neuen Schulden aufnehmen, um ihre Aufgaben noch erfüllen zu können. „Die Kommunen sind die Schuldenbank der Nation“, sagte Pollehn. Die Krise sei keine abstrakte Zahl: „Sie trifft die Menschen vor Ort — bei Kindergärten, Kultur, Schulen und Sport.“
Er machte es greifbar: Bei fast 30 Grad, an einem Tag wie diesem, wäre das Freibad ohne ausreichende kommunale Mittel möglicherweise geschlossen. „Wir müssten Dinge verkaufen. Wir setzen hier heute ein deutliches Zeichen.“
Burgdorfs Zahlen: 140 Millionen Euro Schulden
Auch für Burgdorf zog Pollehn eine nüchterne Bilanz. Die Stadt steht aktuell bei rund 140 Millionen Euro Schulden — bei einem Haushaltsvolumen von etwa 90 Millionen Euro. Im laufenden Jahr schreibt der ordentliche Haushalt ein Minus von 33 Millionen Euro. „Wir müssen im Rat darüber abstimmen, dass wir Schulden machen müssen. So kann es nicht weitergehen.“
Allein für Zinsen zahlt Burgdorf jährlich 4,5 Millionen Euro. Schon ein Anstieg um 0,25 Prozentpunkte würde sich spürbar im Haushalt niederschlagen. Für Baumaßnahmen stehen 20 Millionen Euro im Haushaltsplan — mit dem Ziel, die Stadt zukunftsfähig zu halten.
Pollehn blickte auch auf die Region Hannover, die er als Vergleich heranzog: eine Region so groß wie das Saarland, die dieses Jahr ein Defizit von 175 Millionen Euro bei einem Haushalt von 3,1 Milliarden Euro verzeichnet. Aus dem bundesweiten Sondervermögen von 9,4 Milliarden Euro fließe nur die Hälfte — 4,7 Milliarden Euro — an die Kommunen. Die Region Hannover bekommt davon 225 Millionen Euro. Das klingt nach viel, ist es aber nicht: Allein eine neue Schule kostet rund 100 Millionen Euro, rechnete Pollehn vor.
Ein Spaziergang durch die Krise
Nach den Worten folgte der symbolische Stadtspaziergang. Pollehn führte die Gruppe durch die Burgdorfer Innenstadt — mit Handzetteln des Aktionstags in der Hand, die an Passantinnen und Passanten verteilt wurden. An einem Fahrradständer machte er mit trockenem Humor deutlich, wie weit das Sparband im Ernstfall reichen würde: „Das könnten wir über den gesamten Fußweg ziehen. Da gäbe es alles nicht.“
Die Tour führte weiter über die Marktstraße und am Rathaus I vorbei zum Platz Am Brandende — und schließlich zum Rathaus II, das Pollehn symbolisch „sperrte“. Ein Zeichen, das er bewusst gesetzt haben wollte: Was heute noch steht, ist nicht selbstverständlich.
Hintergrund: Aktionstag „Kommunen am Limit“
Der bundesweite Aktionstag wurde vom Deutschen Städtetag, dem Deutschen Landkreistag und dem Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) ausgerufen. Die drei kommunalen Spitzenverbände vertreten Städte, Landkreise und Gemeinden in ganz Deutschland. Ihr Kern-Argument: Die Kommunen leisten mehr als ein Viertel aller staatlichen Ausgaben, erhalten aber nur ein Siebtel der staatlichen Einnahmen. Im vergangenen Jahr betrug das Finanzierungsdefizit der Kommunen bundesweit mehr als 30 Milliarden Euro. Die Forderungen der Verbände: Bund und Länder sollen das historische Defizit beseitigen, die Kommunen von steigenden Sozialausgaben entlasten und den Grundsatz „Wer bestellt, bezahlt“ konsequent umsetzen — das heißt: Jede Aufgabe, die Bund oder Länder den Kommunen übertragen, muss vollständig finanziert sein.












