Uetze

Von Texas, gestohlenen Maibäumen und 32 Generationen: Hänigsen feiert 800. Geburtstag

[HÄNIGSEN]

Fast 480 Plätze, kaum zehn davon frei: Beim Festkommers zum 800-jährigen Dorfjubiläum platzte das Festzelt an der Mittelstraße beinahe aus den Nähten. Mehr als 450 Gäste feierten am heutigen Freitag, 1. Mai 2026, mit Musik, Reden und einem Gast, der morgens noch als Unterhändler in Sachen Maibaum aufgewacht war.

Achim Schacht, einst Vorsitzender der Hänigser Bürgerschützen und heute sich selbst als „Mitarbeiter der Dorfgemeinschaft“ vorgestellt, führte mit Witz und historischem Sachverstand durch den Abend – und ließ zwischen den Reden immer wieder Episoden aus der Ortsgeschichte einfließen, die vieles erklärten: warum Hänigsen eine stärkste Feuerwehr hat, was das Wappen zu bedeuten hat und warum die erste Ölbohrung des Dorfes 1861 noch kein Glück brachte. Für den musikalischen Rahmen sorgte der Musikzug der Freiwilligen Feuerwehren Burgdorf und Hänigsen mit 35 Musikerinnen und Musikern.

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„Wir sind bedeutend älter“

Ortsbürgermeister Norbert Vanin (SPD) eröffnete den Festkommers mit einem knappen „Glück auf, liebe Hänigser“ und zeigte sich sichtlich bewegt von der vollen Halle. Am Vorabend sei das Zelt beim Tanz in den Mai „fast aus den Nähten geplatzt“, und auch heute sei es voll wie selten. Hänigsen, so Vanin, sei ein Ort mit sieben Bergen: Kuhlenberg, Mühlenberg, Bäckerberg, Slötschenberg, Burgdorfer Berg – mit 55 Metern die höchste Erhebung –, Schmiedeberg und Homanns Berg. Einen achten Berg habe „Fritze Lindemann“ ins Leben gerufen: den Schlachterberg.

Den tieferen Ursprung des Ortes umriss Vanin in wenigen Sätzen: Bereits um 500 vor Christus hätten auf dem Burgdorfer Berg die ersten Ackerbauern gelebt, um 100 nach Christus sei in Hänigsen Eisenstahl abgebaut worden. Das offizielle Gründungsjahr 1226 stamme aus Schriften – die zugehörigen Dokumente früherer Datierungen seien im Zweiten Weltkrieg in Hannover verbrannt. „Wir sind bedeutend älter“, sagte Vanin, ohne darüber weiter zu trauern.

Bekannt geworden sei Hänigsen vor allem durch die Industrialisierung: 1907 wurde der Kalischacht getäuft, die Salzförderung wurde zum wichtigen Wirtschaftsfaktor. Mit 210 Straßenkilometern unter Tage war der Bergbau eine Welt für sich. Und dann das Erdöl: Im Bereich Hänigsen-Süd hätten die Felder fast ausschließlich aus Ölpumpen bestanden – viele hätten gedacht, sie seien in Texas. Diese Betriebe hätten den Ort groß gemacht: Hänigsen hatte früh ein Schwimmbad und ein Stadion, Straßenbeleuchtung und Asphaltierung waren für einen Ort von rund 3.500 Einwohnern führend.

Der Maibaum und sein Erbe

Beim gestrigen 25. Maibaumaufstellen seien so viele Besucher dabei gewesen wie noch nie, berichtete Vanin. Initiiert wurde die Tradition einst von Manfred Schröder; die 16 Wappen der Hänigser Vereine und Verbände, die den Stamm zieren, hat Heinz Marz, Bildhauer aus Hänigsen, erarbeitet. Sie werden auch im Winterhalbjahr gepflegt. Heide Marz und Norbert Vanin selbst hätten sich über die überwältigende Beteiligung gefreut.

Zwischen den Reden ließ Moderator Achim Schacht immer wieder historische Schlaglichter folgen. 1647 sei Hänigsen bis auf die Grundmauern niedergebrannt, 1693 am Pfingstsonntag abermals. 1730 starben 20 Kinder an den Pocken, 1805 forderte das Fleckfieber 25 Tote, zwischen 1937 und 1939 kosteten erneute Pocken 54 Menschen das Leben. „Man weiß schon, warum die Feuerwehr hier ist“, kommentierte Schacht trocken. Das Ortswappen mit Förderturm und Pferd erklärte er später: Hänigsen war über Jahrhunderte nicht nur Bergbauort, sondern Mittelpunkt des hannoverschen Pferdezuchtbetriebs.

„Das war zuerst hier, das muss man mal deutlich sagen“

Europaabgeordneter Bernd Lange (SPD) brachte herzliche Glückwünsche als Burgdorfer mit: Hänigsen sei immerhin 50 Jahre älter als Burgdorf. Die gute Beziehung zwischen beiden Orten zeige sich sinnbildlich im gemeinsamen Feuerwehrmusikzug. Das Erdöl? „Vor Texas und vor Wietze – das war zuerst hier in Hänigsen, das muss man mal deutlich sagen.“ Der Kalischacht habe 1907 Industrialisierung und neue Arbeitsplätze gebracht; das Salz sei wichtig für das ganze Land gewesen. Der Bergmannsverein trage diese Solidarität am heutigen 1. Mai weiter. Als positives Beispiel für den Geist des Dorfes nannte Lange das Freibad: „Andere schließen, haben Kopfschmerzen – ihr macht es.“ Sein Fazit: „Hänigsen setzt die Segel richtig.“

Der Bundestagsabgeordnete und SPD-Fraktionsvorsitzende Dr. Matthias Miersch knüpfte an die turbulente Weltlage an: Man könne von Hänigsen einiges lernen, sagte er. „Wir leben in Zeiten, die hochturbulent sind“ – ein amerikanischer Präsident zettele Kriege an und beende sie nicht. Und dann mit einem Augenzwinkern: „Das habt ihr heute Nacht geklärt“ – in Anspielung auf den Maibaum-Diebstahl aus Uetze. Was Hänigsen auszeichne, sei die Gemeinschaft: „Man spürt es heute. An anderen Stellen sind diese Gemeinschaften nicht mehr vorhanden. Eine 800-Jahr-Feier zeigt, wie stark diese Gemeinschaft ist. Macht weiter so – Glück auf.“

„Nicht die, die fragen, sondern einfach machen“

Landtagsabgeordnete Heike Koehler (CDU) sagte, man spüre sofort: „Das ist nicht nur Jubiläum, sondern echtes Selbstbewusstsein.“ Hänigsen sei ein Ort, der genau wisse, wer er sei. „Hänigsen war nie ein Ort, der nur zugeschaut hat – hier wurde immer angepackt.“ Was sie sehe, sei nicht von gestern: „Das ist lebendig, das ist von heute.“ Sie lobte die Menschen, die nicht fragten, sondern einfach machten – Applaus aus dem Zelt.

Ihre Kollegin Thordies Hanisch (SPD) dankte allen Ehrenamtlichen: „Die sind über sich hinaus gewachsen.“ Und sie rückte das Jubiläum in eine lange Perspektive: „800 Jahre sind 32 Generationen. Niedersachsen war nur eine Idee – Hänigsen war schon da.“

Stellvertretende Regionspräsidentin Michaela Michalowitz (CDU) hielt ihr Wort: „Mein Grußwort wird das kürzeste vom ganzen Abend.“ Das prachtvolle Festzelt könnte auch beim Schützenfest in Hannover stehen, befand sie. „Ein Dorf mit Herz – und mit Geschichte. Wenn Sie weiter zusammenhalten, mache ich mir um Hänigsen auch in 800 Jahren keine Gedanken.“ Die Region Hannover stehe Hänigsen weiter zur Seite.

Der Unterhändler aus Uetze

Den Abschluss der Grußworte bestritt Uetzes Bürgermeister Florian Gahre (SPD) – und er brachte das Zelt zum Lachen. Hänigsen sei das Aushängeschild für die Gemeinde: „Hänigsen, ihr seid der Wahnsinn.“ Dann erzählte er, wie er morgens als „Unterhändler“ aufgewacht sei: Die Hänigser Landjugend hatte in der Nacht den Maibaum aus dem Uetzer Freibad gestohlen. Gahre vermittelte, der Baum kam zurück, das Maifest im Freibad konnte stattfinden. „Danke, liebe Landjugend – das hat Spaß gemacht.“ Und ernster: „Spätestens in unserer Gemeinde seht ihr, dass es funktioniert. Nicht alles schlecht reden. Wir tun alles füreinander – gegenseitig respektieren, auch mal die Meinung des anderen zulassen.“

Eine Festschrift als Überraschung

Zum Abschluss dankte Norbert Vanin allen, die das Fest möglich gemacht hatten: den Anwohnern in der Ortsmitte – „kein einziger Anruf bei der Polizei wegen Ruhestörung“ –, dem Team von Festwirt Patrick Lindemann, HR Catering mit Tim Pistor, den Jungschützen für das Schmücken des Zelts mit Birken und der Feuerwehr Dachtmissen, die für den Zapfenstreich um 21:45 Uhr die Straße sperren wird, damit die Feuerwehr Hänigsen geschlossen daran teilnehmen kann. Aus der Gemeinde Wathlingen sollen am Montag zudem zwei Bäume für die Ortsmitte kommen – Kirsche und Birne für die Rotdornallee, bereits eingeplant. Sein besonderer Dank galt dem Orgateam: Birgit Fricke, Olaf Wolff, Achim Schacht und Sebastian Stockmeier hätten fast vier Jahre intensiv daran gearbeitet.

Dann kündigte Vanin eine Überraschung an: eine Chronik. Achim Schacht korrigierte freundlich: Es sei eigentlich keine Chronik, sondern eine Festschrift. Sie führe die Zeitleiste aus der 750-Jahr-Chronik fort – auf 12 Seiten, Schritt für Schritt, was in Hänigsen Besonderes passiert sei. „So viel Text, das kann man nicht rüberbringen – aber man kann es hinterher lesen.“ Darin auch die Geschichte der Feuerwehrgründung: Eine Pflichtfeuerwehr habe nicht funktioniert. Erst nachdem ein bedeutender Hof abgebrannt war, wurden 800 Mark zur Gründung bereitgestellt. Schachts Kommentar: „Wenn Leute Lust haben, dann klappt es. Wenn von oben diktiert wird, funktioniert es nicht. Aus Schaden wird man klug.“

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